Xeniapolis
Zukunft gestalten
Moral und Klimaschutz
Samstag, 12. Mai 2007, 17:41
Wir sind nicht bereit. Aber wir verstecken uns vor unserer Verantwortung hinter unserer moralischen Hilflosigkeit. Es ist nicht nur der erhobene Zeigerfinger, der lähmt, sondern auch unsere Erziehung zu einem Bewusstsein, das uns in ein moralisches Dilemma führt, das wir anstatt es auszuhalten lieber verdrängen.

Kann ich wirklich so lange nicht über Klimaschutz lehren, solange ich noch ein Auto besitze? Vielleicht, aber ich lehre ja auch kaum über Armut und Ausbeutung, solange ich ein von unter menschenunwürdigen Bedingungen gefertigtes H&M-Shirt trage. Und die den Scheiderinnen und ihren Familien in Indonesien geht es dabei auch noch besser als vorher, dennoch bleibt es Ausbeutung. Auch so eine Sache: Lieber stecken wir vor lauter absolutem Moralitätsanspruch unsere Köpfe in den Sand, als das zu beeinflussen, was wir beeinflussen können.

Ja wir sollten verzichten und wir sollten zum Verzicht auffordern - und das am besten, indem wir vorleben. Aber das ist doch noch nicht alles, was die Welt besser machen wird. Wir sollten auch unser eigenes Dilemma zum Thema machen. Wir sollten lehren, dass es dieses gibt und das man es aushalten muss. Der nächsten Generation geht es doch nicht anders, die steht doch vor dem gleichen Dilemma.

Und wir sollten die Dinge, die wir tun können beide gleichzeitig beginnen und nicht eines scheinheilig als vorangig bezeichnen und dabei aus Angst vor der Konfrontation mit der eigenen Unzulänglichkeit unsere Verantwortung vernachlässigen.

Es ist eh so eine Sache mit der Moral: Ist es wirklich unmoralisch sein Haus zu heizen, damit das eigene Kind nicht erfriert - etwas was tagtäglich in Weltgegenden mit geringerem Wohlstand passiert. Oder ist es erst unmoralisch mit dem Auto statt mit dem Rad zum Einkaufen zu fahren? Oder ist es nur dann moralisch zu rechtfertigen, wenn ich durch dieses Autofahren die Arbeit der Versorgung einer Familie entscheidend verbessere. Sind afrikanische Frauen, die kilometerweit zum Markt laufen die besseren Menschen? Das ist doch Unsinn: Die laufen ja nicht aus Überzeugung, sondern weil sie müssen. Den Luxus des Verzichts zur Gewissensberuhigung muss man sich erst einmal leisten können.

Etwas anderes ist es mit der Vernunft. Es ist eben einfach unvernünftig schlechte Fenster in mein geheiztes Haus einzubauen und Energie zu verschwenden, mit der mein Nachbar sein Haus auch noch heizen könnte, oder ein 15 Liter Auto zu fahren und nicht eines mit Hybridmotor, das Benzin spart, gleichzeitig eigenen Strom erzeugt und den restlichen Strom vergleichsweise billig aus einem Energienetz zieht.

Die Moral spielt hier schon eine Rolle - aber insbesondere die Technik: Denn theoretisch könnte von der Energie, die ich durch meine Fenster einspare nicht nur mein Nachbar heizen, sondern evtl. auch ein Familienvater in Rumänien um zu verhindern, dass sein Kind erfriert. Voraussetzung dafür sind aber sind hochleistungfähige Energienetze, die für alle erschwingliche Energie liefern. Diese Netze und die Fenster müssen ständig verbessert werden. Dazu brauchen wir Experten, die anders denken als der Großteil derjenigen, die bisher für Netze, Fenster ... zuständig sind.

Und wenn durch das Fahren des Hybridwagens von Toyota wirklich die Klimakatastrophe abgemindert werden soll, dann muss sicher gestellt sein, dass der Strom aus der Steckdose aus einem Off-Shore Windpark kommt und nicht aus einem Kohlekraftwerk. Die technischen Experten, die das realisieren, die muss es erst einmal geben. Und die wird es am ehesten in Europa geben und die werden dann in die Welt fliegen und in China und Indien weitere umwelt- und klimaverträgliche Energieversorgungsprojekte realisieren.

Diese Experten von Morgen zu prägen ist unsere Verantwortung. Genau genommen stehen wir in der Pflicht und dürfen uns davor nicht drücken. Europa muss Vorreiter sein bei der Umwelttechnik, wenn diese Welt noch zu retten sein soll.

Bei dir hört sich das so negativ an, wenn du sagst: "und hoffen, dass es denen womöglich gelingt, endlich was zu erfinden, das uns allen unseren wahnsinnigen Energieverbrauch sichert und gleichzeitig das Klima schont". Du findest es unmoralisch. Unmoralisch ist es, wenn ich glaube, dass ich damit alles geleistet habe. Aber genauso unmoralisch ist es doch zu glauben, ich habe meinen Teil beigetragen, wenn ich statt nach Tunesien nur nach Mallorca geflogen bin. Oder noch schlimmer, wenn ich solange ich nach xy fliege, meine gesellschaftliche Verantwortung vernachlässige, weil ich mich bei ihrer Wahrnehmung schlecht fühle.

Ein Bewusstsein muss man schaffen, aber eines, das weltweite soziale Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein verbindet. Wohlstand schafft Frieden und bedeutet menschwürdiges Leben. Leute werden immer danach streben. Wohlstand verbraucht im Moment zuviel Energie. Wir müssen dafür sorgen, dass er so wenig wie möglich verbraucht. Das tun wir effektiv mit der besten Technik für die ganze Menschheit. Das tun wir auch, indem wir mal mit dem Fahrrad fahren, aber sorry das wird nicht verhindern, dass der CO2-Anteil von jetzt 380 pro 1 Millionen auf rund 600 pro eine Millionen in ca. 50-70 Jahren ansteigen wird.

Diese Schwelle gilt als gefährlich und möglicherweise unumkehrbar, da sich der CO2-Gehalt bei der mit ihm verbundenen Erwärmung sogar noch potenziert. Bis zum Jahre 1800 waren 240 Teile pro 1 Millionen. Die Anreicherung schreitet immer schneller voran und muss schnell und auf großer Ebene gestoppt werden.

Die Hälfte der Menschheit kann es sich nicht leisten über Verzicht nachzudenken, die haben nichts, worauf sie verzichten können. Die andere Hälfte sollte moralisch gesehen vielleicht mal dringend anfangen, darüber nachzudenken, sie wird es aber dennoch nicht tun. Das liegt in der menschlichen Natur. Ich gebe nichts auf, was mir meine Existenz erleichtert. Und das tut Energie. Man muss den Realitäten schon in die Augen blicke.

Also gilt: Wohlstand für viele bei drastischer Senkung des Energieaufkommens für die gleiche Portion Wohlstand (Wärme, Forbewegung, ...) und gleichzeitigem effektiven und schnellen Umstieg auf saubere Energieformen.

Die Antwort auf die Rettung - vielleicht nicht des Planeten, denn die Erde ist erstaunlich anpassungsfähig - aber der menschlichen Zivilisation haben die Ingenieure, nicht die Moralisten in der Hand. Als moralischer Mensch in pädagogischer Verantwortung ist es meine Pflicht meinen Teil zum großen Projekt Abbremsen des Klimawandels beizutragen, indem ich die Ingenieure der Zukunft zu Wissen und Bewusstsein über die Größe der Problematik verhelfe. Wir müssen in Dimensionen von hundert Jahren denken. Da gilt es keine Zeit zu verlieren.

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