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Zukunft gestalten
Die Geschichte des 21. Jahrhunderts begann 1950
Samstag, 12. Mai 2007, 16:01
Die Geschichte des 21. Jahrhunderts begann 1950 in Korea. Fatalerweise glauben wir noch heute der Koreakrieg sei eine Konfrontation zweier Gesellschaftssysteme, zweier entgegengesetzter Ideologien gewesen. Er war die erste Konfrontation der Weltmächte des einundzwanzigsten Jahrhunderts und diese ging zugunsten Chinas aus.

Als amerikanische Truppen in Korea fast bis an die Nordgrenze vorgedrungen waren, wurden sie von 1 Mio. chinesischer Soldaten zurückgeschlagen. Drei Jahre später stabilisierte sich die Grenze zwischen Nord- und Südkorea in ihrer heutigen Form entlang des 38. Breitengrades. Das gerade wieder vereinte China sicherte in Korea seine territorialen Interessen in Asien, ebenso wie bei der zweiten Konfrontation 20 Jahre später in Vietnam, als China erst die Kommunisten unterstützte um nach dem Abzug der Amerikaner selbst Krieg gegen Vietnam zu führen – nicht um der Ideologie willen, sondern zur Sicherung, jetzt nicht nur seiner Grenzen, sondern seiner regionalen Vormachtstellung.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zweimal – anders als zwischen den USA und der UdSSR – zu einer wirklichen Konfrontation der Streitkräfte der aufstrebenden Regionalmacht China mit der Supermacht USA. Das internationale Kräftesystem des 21. Jahrhunderts ist geopolitisch, nicht ideologisch zu betrachten. Dabei spielt der Einfluss auf Märkte und die Sicherung der Energiezufuhr die entscheidende Rolle. Beide Mächte schlagen dabei unterschiedliche Wege ein. Während die USA auf militärische Maßnahmen zur Sicherung ihrer Interessen zu setzen scheinen, geht China den Weg der indirekten Einflussnahme durch Handel – also den Weg, der die USA im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zur Weltmacht gemacht hat. China belastet sich dabei nicht mit vorgeschobenen Begründungen wie der Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie, um das eigene Vorgehen innergesellschaftlich rechtfertigen zu können, sondern kann auf die angestammte Überzeugung seiner Bevölkerung bauen, man sei das wichtigste Volk unter dem Himmel.

China ist zurück in der Weltpolitik. Damit ist die Weltpolitik wieder Weltpolitik. Der Ost-West-Konflikt war eigentlich eine rein westliche Auseinandersetzung, die sich nur zufällig über die gesamte Welt auszudehnte und durch den Einbezug einiger Entwicklungsländer wie Kuba und Vietnam als von globalem Ausmaß erschien. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten wir ein überrüstetes Nachspiel der verschiedenen ideologischen Antworten auf die Bewältigung der Probleme der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen westlichen Massengesellschaft – und zum Westen gehört auch Russland. Ein Widerstreit der Modelle Kommunismus vs. Demokratie, Planwirtschaft vs. Marktwirtschaft. Das dritte Modell, der Faschismus (und sein stilles Bündnis mit der Großindustrie), war ja bereits 1945 aus dem Spiel.

Da die westlichen Gesellschaft ihre Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert über die ganze Welt ausgedehnt hatte, verwechseln wir gerne westliche Geschichte mit Weltgeschichte. Dabei war die Sowjetunion spätestens seit den 50er Jahren eine sich überdehnende Kontinentalmacht, deren Auflösung sich die nächsten 30 Jahre hinzog. Eine Auflösung, mit der die Auflösung der westlichen Vorherrschaft einherging. Was 1989 als Sieg des Westens erschien, war vielmehr der Beginn der Niederlage in einer Welt, in der andere Völker und Weltgegenden ihre angestammt Rolle zurückzufordern begannen.

China als jahrtausende alte regionale Hegemonialmacht in Asien mit 1,3 Mrd. Menschen, einem Fünftel der Menschheit, war in den 150 Jahren der westlichen Überdehnung – mit all ihren innerwestlichen Auseinandersetzungen (Imperialismus, Erster und Zweiter Weltkrieg, Ost-West-Konflikt) – mit sich selbst beschäftigt und machte einen äußerst schwierigen und langwierigen Modernisierungsprozess durch, der durch die Einflüsse des Westens befruchtet und behindert sowie ideologisch überdeckt wurde. Es ist aber die westliche Ignoranz, die uns nicht sehen lässt, dass China trotz allen vermeintlichen westlichen Einflusses vom Opiumkrieg über die japanische Besetzung im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Kulturrevolution des sich an die Macht klammernden Mao immer China geblieben ist. Dieses China ist jetzt drauf und dran seinen angestammten Platz in der Welt zurückzufordern – auf chinesische Art und Weise: leise und selbstbewusst.

China wird seine eigenen Werte in die internationale Politik einbringen. Wie sich dies auswirken wird, steht noch in den Sternen. Souveränität der Staaten, Selbstbestimmungsrecht der Völker, vorstaatliche Menschenrechte und die aus diesen Ideen resultierenden Prinzipien von Individuum und Nation gehen auf die europäische Aufklärung zurück. Ideen, die sich auch widersprechen, wie der zwar völkerrechtswidrige, aber humanitär erfolgreiche Einsatz der Nato in den 90ern in Jugoslawien gezeigt hat. Und Ideen, die in ihrer Übersteigerung zur Katastrophe führen, wie wir leider gerade im Irak beobachten müssen. Was in Europa nicht zuletzt aufgrund der gleichen Wertebasis noch funktioniert hat, scheitert im Mittleren Osten.

Der vielzitierte „Kampf der Kulturen“ ist bestimmt ein Konfrontaion unterschiedlicher Grundauffassungen, verstärkt dadurch dass der Westen blanke Interessenpolitik der Energieversorgungssicherung zur Aufrechterhaltung der eigenen Vorherrschaft mit heren Parolen humanitärer Ideale verbindet und so auch eines der wichtigsten geistigen Exportgüter der europäischen Aufklärung in Misskredit bringt: Die Demokratie.

Das, was China zur internationalen Politik beisteuert, wird von der Jahrtausende alten Tradition des Konfuzianismus geprägt sein: Hierachie, Pflicht, Achtung, Vorrang der Gemeinschaft vor dem Einzelnen. Bezeichnenderweise ein Normensystem, das seit 2000 Jahren eine Weltmacht stabilisiert hat. Andererseits auch eine Werthaltung, welche bei jedem politischen Umbruch Millionen von Opfern forderte.

Der Blutzoll des christlich-aufgeklärten Abendlandes und des konfuzianischen Chinas nehmen sich nicht viel. Wenn es wirklich stimmt – was zu hoffen steht –, dass die westliche Gesellschaft endlich erwachsen geworden ist, so erwachsen, dass sie unter den Voraussetzungen eines breiten gesellschaftlichen Wohlstands die Vernunft und die Nächstenliebe zu leben vermag. Und wenn es so ist, dass wir mit dem Einsetzen eines breiteren Wohlstands in China und Asien, von dem – auch das steht zu hoffen – in nicht allzu ferner Zukunft alle Teile der Bevölkerung profitieren werden, Stabilität herstellen. Dann ist es die Zeit in der sich vielleicht die besten Prinzipien dieser beiden großen Gesellschaftsphilosophien zu einem friedenserhaltenden und zumindest zwei Regionen der Welt umspannenden Völkerrecht verbinden lassen.

Die Herausforderung unseren jetzigen Frieden und Wohlstand zu bewahren ist um so größer, da sich gleichzeitig der Interessengegensatz in Bezug auf Energiesicherung verstärken wird. Der Westen muss anerkennen, dass er das Recht auf die Wohlstandsdroge Energie nicht allein gepachtet hat, und den neuen Konkurenten anerkennen und mit ihm zusammenarbeiten. Der Konkurrent handelt zum eigenen Vorteil klug und umsichtig und er ist listig, aber er hat auch eine Grundhaltung im Geschäftsleben, die den Vorteil der anderen als Voraussetzung für den eigenen Vorteil schätzt. Die beste Voraussetzung um eine friedenserhaltende Politik unter den Bedingungen des globalisierten Weltmarkts zu betreiben. Gleichzeitig können wir nicht die Augen verschließen vor dem Unrecht, das vielerorts geschieht und müssen aus unserer eigenen Wertüberzeugung heraus mahnen, aber immer ohne Arroganz und Ignoranz, sondern auf der Suche nach einem kulturellen Dialog mit den besten Kräften.


Anmerkung:
Ich bin seit drei Jahren in China und habe bisher dafür noch viel zu wenig von der chinesichen Kultur mitgenommen und chinesische Freunde habe ich auch nicht. Ich hätte sie halt gerne, dann könnte man nach langer Annäherung mal über Politik und Philosophie sprechen.

Viele der Gedanken enstanden nach der Lektüre des Buches „Nachbar China“ von Helmut Schmidt und Frank Sieren oder gehen dirket darauf zurück. Es lohnt sich zu lesen, was der alte Staatsmann zu sagen hat, manchmal ist er fast etwas zu überoptimistisch, was China angeht.

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